Otello – Krieg, Intrige, Eifersucht, Mord
Am 22. März 2026 feierte das Spätwerk von Guiseppe Verdi in Bonn Premiere. Der Oper liegt das gleichnamige Drama von William Shakespeare zugrunde.
Um es vorweg zusagen: Die Premiere war ein Erfolg!
Das klanggewaltige Beethovenorchester Bonn unter der Leistung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und der stimmgewaltige Chor und Extrachor (Leitung: Andre Kellinghaus) ziehen die Zuschauer sofort in ihren Bann. Fulminanter kann eine Oper kaum beginnen.
Otello, der vom Söldner zum Kriegsherrn und Befehlshaber aufgestiegen ist, kehrt nach einem Sieg über die Türken zurück. Der bekannte italienische Regisseur Leo Muscato der dem Bonner Publikum bereits durch einige Inszenierungen bekannt ist, lässt das Geschehen im Jahr 1974 in der Zeit des Zypernkonfliktes spielen.
Otello ist für seine aufbrausende Art, seine Eifersucht und seinen Jähzorn bekannt. Trotz seiner Erfolge fühlt er sich von der Gesellschaft durch seine Herkunft diskriminiert, ausgeschlossen, ist zutiefst unsicher und durch die Kriegsereignisse traumatisiert. Seine Frau Desdemona stammt aus einer angesehenen venezianischen Familie.
Jago, der sich bei einer Beförderung übergangen fühlt, will sich an Otello rächen und weiß, dass dieser durch seine Eifersucht und sein aufbrausendes Temperament ein leichtes Opfer ist. So gelingt es ihm auch, Otello gegen seine Frau Desdemona aufzubringen und ihm vorzuspielen, dass Desdemona ihn betrügt. In rasender Eifersucht tötet dieser seine Frau. Zu spät erkennt Otello seinen Fehler und begeht daraufhin Suizid. Jago, der Drahtzieher der Intrige, flüchtet.
Desdemona wird in der Inszenierung nicht als völlig passiv dargestellt. Sie ist als Kriegsfotografin aktiv und kennt daher auch das Grauen des Krieges. Otello ist nicht wie im Original dunkelhäutig. Dies verdeutlicht meines Erachtens, dass seine Eigenschaften nicht auf eine spezielle Herkunft oder einen sozialen Hintergrund zurückzuführen sind.
Otello demütigt Desdemona vor aller Augen. Die Umstehenden sind schockiert, helfen Desdemona jedoch nicht. Dies zeigt durchaus Parallelen zur heutigen Zeit auf.
Die Bühne sieht aus wie ein altes, teils zerstörtes Gebäude mit einem Innenhof. Hin und wieder werden rechts und links kleine Räume (z.B. die Dunkelkammer Desdemonas, das Schlafzimmer) auf die große Bühne geschoben. Dies schafft eine besondere Intimität (Bühne: Frederica Parolini).
Der Tenor George Oniani, seit langem Ensemblemitglied der Oper Bonn, brilliert schauspielerisch und sängerisch in der Rolle des Otello. Otellos Wutausbrüche, Eifersucht und Verletzlichkeit bringt er überzeugend auf die Bühne.
Simone Piazzola als Jago und der junge walisische Tenor Ryan Vaughan Davies als Cassio, der sein Rollendebüt gab, überzeugen. Auch sie fühlen sich in ihre Rolle ein und sind sängerisch ein Genuss.
Das absolute Highlight ist für mich die junge US-Amerikanerin Kathryn Henry. Ihre Stimme ist glasklar. Besonders das „Lied von der Weide“ und das „Ave Maria“ im letzten Akt führten bei mir zu Gänsehaut. Für Kathryn Henry bedeutete die Otello-Aufführung in Bonn ihr Europa-, Rollen- und Bonn-Debüt. In der nächsten Spielzeit ist sie Mitglied im Bonner Opernensemble. Dies ist eine große Bereicherung. Das Bonner Publikum kann sich auf ihre Auftritte freuen.
Die Aufführung ist bis hin zur kleinsten Rolle exzellent besetzt.
Ich kann die Bonner Inszenierung uneingeschränkt empfehlen! Die Karten für eine der nächsten Aufführungen liegen für meine Familie und mich schon jetzt bereit.